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Zur Bedeutung
von FMP FREE MUSIC PRODUCTION im Prozess kultureller Entwicklungen zwischen
Ost- und Westdeutschland
Dr. Bert Noglik
Seit
Anfang der 70er Jahre wirkte FMP Free Music Production von West-Berlin
aus als ein kultureller Faktor in die DDR hinein. FMP trug dazu bei, eigenständige
Entwicklungen im Osten zu ermutigen und mit internationalen Strömungen
in Verbindung zu bringen. Die Aktivitäten von FMP wurden von zahlreichen
Intellektuellen in der DDR als Alternative zu Kommerz und als Kompromiss
mit den Erwartungen der ostdeutschen Kulturbürokratie begriffen. Unter
den Vorzeichen allgemeiner Abschottung durch die DDR-Machthaber kam den
zeichen eines kulturellen Engagements aus dem Westen erstrangige bedeutung
zu.
Die Konsequenz und Qualität der FMP-Produktionen und Veranstaltungen stießen
- auch wenn sie in der DDR nur vermittelt wahrgenommen werden konnten
- in der Kulturszene der DDR auf großes Interesse. FMP Free Music Production
bahnte überdies auf vielfältige Weise Kontakte zwischen ostdeutschen Musikern
und ihren westdeutschen bzw. westeuropäischen Kollegen an. Durch ihre
konsequente Orientierung auf improvisierte Musik mit einem hohen Grad
an Authentizität setzte sie auch für Jazzmusiker wie für einige Komponisten
Neuer Musik in der DDR Orientierungspunkte.
Die seit Anfang der 70er Jahre in der DDR erspielten Freiheiten und deren
differenzierte Ausgestaltung in einem langen Prozess wurden wesentlich
durch die Aktivitäten von FMP beeinflußt. Nicht im gleichen Maße reglementiert
wie literarische oder bildkünstlerische Produktionen in der DDR, gelang
es einem wesentlich von FMP beeinflussten Kreis von Musikern, Anschluss
an internationale Entwicklungen zu finden und zugleich eine im eigenen
Umfeld verankerte Identität auszuprägen.
FMP ermöglichte Begegnungen und initiierte bereits Anfang der 70er Jahre
Reisen westdeutscher bzw. westeuropäischer Musiker/innen nach Ost-Berlin.
Im Rahmen der Möglichkeiten - oftmals nur in der Spanne eines Tagesvisums
- ergaben sich fortgesetzte Kommunikationsprozesse, auch informelle musikalische
Begegnungen, aus denen im Laufe der Jahre zahlreiche Anregungen wie auch
spätere Gruppenkonstellationen erwuchsen.
Stets auch um die Dokumentation musikalischer Entwicklungen bemüht, bahnte
Jost Gebers bereits 1972 Kontakte zum Rundfunk der DDR an. Unter schwierigen
Bedingungen gelang es, Lizenzen von Aufnahmen des DDR-Rundfunks zu erwerben
und auf diese Weise eine Musik, die im Osten noch immer dem Mißtrauen
der Kulturbehörden ausgeliefert war, im Westen auf Schallplatten zu produzieren.
Für die Musiker in der DDR bedeutete das eine enorme Anerkennung und Ermutigung;
und selbst mit kleinen Auflagen wurde ein beachtliches Feedback im Osten
erreicht.
Später kam es dann, ebenfalls auf Initiative von Jost Gebers, zu einer
Reihe von Ko-Produktionen zwischen FMP und dem VEB Deutsche Schallplatten
in Ost-Berlin. Durch das beharrliche Bemühen von FMP wurde es möglich,
Musiker aus der DDR auch live auf westlichen Podien vorzustellen und FMP-eigene
Produktionen zu realisieren. Dass sich Ende der 70er Jahre die Reisebeschränkungen
für einige Jazzmusiker aus der DDR allmählich zu lockern begannen, ist
wesentlich auf das unablässige Engagement von FMP zurückzuführen. Immer
wieder wurden beispielhafte Zeichen gesetzt, die im Westen Aufsehen erregten
und im Osten sehr genau registriert worden sind.
Die von FMP 1979 in West-Berlin veranstaltete Konzertfolge ‚Jazz Now'
stellte zum ersten Mal ein für bestimmte innovative Entwicklungen in der
DDR repräsentatives Programm mit einer Vielzahl von Musikern im Westen
vor. Seit dieser Zeit wurden immer wieder Jazzmusiker aus der DDR in die
zumeist international konzipierten Konzert- und Veranstaltungsreihen von
FMP integriert.
Ohne die Aktivitäten von FMP wären wesentliche Phasen der musikalischen
Entwicklung in der DDR gänzlich ohne Dokumentation geblieben. Insbesondere
jene Strömungen improvisierter Musik, die sich in der DDR erst gegen die
Vorbehalte der Kulturpolitik durchsetzen konnten, wurden von FMP nach
Kräften und Möglichkeiten auf Schallplatten festgehalten und verbreitet.
Im FMP-Katalog finden sich so Zeugnisse nahezu aller herausragender Musiker
der DDR im Umkreis von zeitgenössischem Jazz/improvisierter Musik: Conrad
Bauer, Ernst-Ludwig Petrowsky, Ulrich Gumpert, Günter Sommer, Johannes
Bauer, Helmut ‚Joe' Sachse, Manfred Schulze und viele andere.
Im Unterschied zu kultureller Einflussnahme westlicher Institutionen,
die auf kurzfristige Wirkungen oder konkrete politische Ziele gerichtet
war, verfolgte FMP stets eine langfristige Ermutigung ostdeutscher Musiker
wie auch des um sie gescharten Publikums. Sie unterstützte ein auf der
Basis musikalischer Qualität und Authentizität beruhendes Netzwerk persönlicher
Kontakte, das sich auch in der Gegenwart als tragfähig, produktiv und
inspirierend erwies. Im Unterschied zu vordergründig angelegten Kampagnen
setzte FMP Free Music Production Prozesse in Gang, die die europäische
Kulturlandschaft nachhaltig mitprägen.
Dr. Bert Noglik, Leipzig, ist Musikwissenschaftler,
Autor, Rundfunkpublizist, und Leiter des Jazzfestivals Leipzig. Buchpublikationen
u.a.' Jazz im Gespräch (Verlag Neue Musik), Jazz-Werkstatt International
(Rowohlt), Klangspuren - Wege improvisierter Musik (Fischer Verlag).
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