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Zwanzig Jahre King Übü Örchestrü
Der Maler sitzt vor der weißen Leinwand
Oder
Improvisierte Musik entsteht aus der Stille heraus
Oder
beim Übü treffen sich HörerSpieler.
Das Übü trifft sich jedes Mal wieder neu. Nicht
nur wegen der Gäste, die wir manchmal einladen, sondern
wegen der unterschiedlichen Entwicklungen, die jede/r Spieler/in
zwischen den Übü-Treffs mit eigenen, meist kleineren
Formationen macht. Insofern sind die Namen - fast immer
- dieselben, aber deren Träger sind an einem anderen
musikalischen Punkt angelangt als noch vor Jahren. Insofern
ist das Übü jedes Mal ein neues Ensemble.
Neu dieses Mal: die Einladung an drei Vokalisten, Boris,
Irena und Phil, die unabhängig voneinander und ohne
vorherige Absprache sich um den Text des Theaterstückes
von Alfred Jarry, Ubu Roi (1896) kümmerten und Teile
daraus musikalisch bearbeiteten.
Dass auch hier die siebten Sinne der Übüs produktiv
wirkten, zeigt die zweiminütige Stille kurz vor Ende
des ersten Stückes, die durch einen Satz eingeleitet
wurde, von Boris repetitiv eingebracht und in Deutsch gesprochen
- nur: die Hälfte dieser Übü-Besetzung spricht
kein Deutsch.
Alles in allem ermuntert uns das vorliegende Ergebnis, dieses
Projekt weiterzuführen
Es lebe Übü.
Wolfgang Fuchs, 8.8.04
P.S.: Dank an Urs für die Einleitung und an diejenigen,
die diese CD-Produktion durch ihren Beitrag ermöglichten.
Vorrede von Urs Jaeggi
Ich soll eine Einleitung halten, eigentlich war ich nicht
dafür vorgesehen, aber beim zweiten Tor, das Hertha
BSC heute Abend geschossen hat, hat mich der Anruf erreicht,
und ich habe dann gesagt: gut.
Ich könnte jetzt natürlich - eigentlich könnte
man mit Roi Ubu auch anfangen: U-a-a-h-o-o-o so sagen, oder,
sein berühmtes Merdre: Mer-, mer-, merd, merdr, merdre,
oder Schreisse, Schei-, sch- ....
Das ist ja eigentlich das Witzige beim Jarry, dass er davon
lebt, dass er Scheisse nicht Scheisse genannt hat, sondern
dass es einfach ein ungewöhnliches Theaterstück
ist, das mindestens meine Generation später sehr beeinflusst
hat, weil, nach dem Zweiten Weltkrieg, kam das Absurde Theater,
und das war eigentlich das Theater, das uns interessiert
hat. Das war Ionesco, Adamov, natürlich Beckett, und
von der Sprache her ist es vielleicht schwierig, Jarry mit
diesen Leuten zu vergleichen, und trotzdem, die Art und
Weise, wie er mit Realität umgegangen ist, wie er das
angepackt hat, war einfach für uns damals etwas, was
man weder in der Schule noch woanders gelernt hat, sondern
wir haben´s gelesen, wir haben´s selbst probiert
zu spielen, und das war halt etwas wirklich Tolles.
"Bei meinem grünen Kerzenstiel, Furz, ich glaub´,
ich hab´ ihn kleingemacht, bei meinem grünen
Kerzenstiel..."
Das Stück hat ja verschiedene Namen gehabt und hieß
u.a. auch Les Polonais, wobei ich jetzt nicht habe nachforschen
können, warum. Es hat mich sehr überrascht. Aber
es könnten eben alle gewesen sein.
Er schreibt: "Kocht 150 Ochsen und Schafe." Es
ist ein Stück, wo ich sehr neugierig bin, wie Musik
das umsetzt. Und nachdem, was ich bis heute auf diesem Meeting
gehört habe, denke ich, das wird eine ganz tolle Geschichte.
Philippe Soupault, einer der bedeutenden Surrealisten Frankreichs,
hat gesagt, "Jarry hat, was wir alle gern gewollt hätten:
reinen Tisch gemacht". Und das schreibt er ungefähr
40 Jahre später, also sieht man, was Jarry damals provoziert
hat, indem er versuchte, reinen Tisch zu machen. Indem er
150 Ochsen kochen wollte und Schafe. Er wollte reinen Tisch
machen mit den Herrschaften, und er hat´s gemacht.
"So, meine Herren, jetzt wollen wir das Kalbfleisch
probieren."
Und, bevor die Musiker kommen und spielen, Jarry über
Jarry: "Er ist weder genau Monsieur Tiers noch der
Bürger, noch der Flegel, eher wäre er der vollkommene
Anarchist mit jenem Etwas, das uns hindert, zum vollkommenen
Anarchisten zu werden. Er ist Mensch, daher Feigheit, Unrat,
Hässlichkeit, usw."
Von den drei Seelen, welche Plato unterscheidet: Kopf, Herz
und Wanst, ist allein letztere bei ihm nicht embryonal.
Und zum Schluss, ich weiß nicht, was der Name Ubu
bedeutet, welcher vielleicht die Abstraktion eines zufälligen,
nicht vorkommenden Prototyps ist.
Expect, vielleicht ein Geier, doch ist das nur eine Seite
seiner Rolle. Wenn er einem Tier gleicht, so hat er in erster
Linie ein Schweinsgesicht, eine Nase, ähnlich dem Oberkiefer
eines Krokodils, und seine Umhüllung aus Pappe macht
aus ihm einen Bruder des ästhetisch abscheulichsten
Meeresbewohners, des Molukkenkrebses.
Ja, da sind wir gespannt, was die Musiker daraus machen.
Ich danke.
Urs Jaeggi, 8. November 2003
Poem for King Übu Örchestrü
wisteria fronds of
Jarry-ed pronouncements
woven through
the sonic maze
a
maze
ing
sudden suspension
a delicate glass sphere...
Who would pierce
the swollen membrane?
Anne LeBaron, May 26, 2004
It has always been in my dreams that Ubu on many levels
is within the King Übü Örchestrü, the
magical play of simultaneous levels of communication that
allows such a sizeable group to work and integrate so well
.... with unbelievable intensity married to humour and profound
worldly issues and commitment ..... here it comes to bloom
with the original source.
Philipp Wachsmann
I remember the concert as one of the most concentrated I´ve
ever known, considering the number of musicians involved.
Phil Minton
The performance was magical. Wolfgang Fuchs was a brilliant
casting director (what a great Ensemble!) and a remarkable
music director who got everyone on the same page with a
rare minimum of talk. This virtuoso group were also virtuoso
listeners and that´s clearly the secret! It was an
unforgettable night pure & simple.
Bertram Turetzky
Schreisse!
In my teens I read a lot of literature, including Ubu Roi.
I thought it was stupid. Then I started to notice what real
politicians were doing in the real world around me. I thought
they were stupid too. And very dangerous for us all. More
than three decades later, things haven't changed much, except
that I no longer think Jarry's play is stupid.
Melvyn Poore
Magie des Moments - Magie der Stille
Zur Musik des King Übü Örchestrü beim
Total Music Meeting 2003 in Berlin
Frei improvisierte Musik bedeutet stets ein Sich-Einlassen
auf Abenteuer und Wagnis - für Musiker und Zuhörer
gleichermaßen. Schon die Darbietung eines Solisten
birgt Risiken in sich, gleicht einem Drahtseilakt, der auch
bei einem Meister zuweilen mit einem Absturz enden kann.
Aber doch kontrolliert ein Intellekt das Entstehende. Um
wieviel komplizierter werden nun die Determinanten, wenn
zwei, drei, gar vier oder fünf Musiker sich dem Risiko
stellen, gemeinsam, im Zusammen- und Wechselspiel und ohne
vorherige Absprache, zu improvisieren, also Musik aus dem
Augenblick heraus zu erdenken, zu komponieren, zu erschaffen!
Hier kann sich keiner hinter dem anderen verstecken, jeder
ist für das von ihm Kreierte verantwortlich und gleichzeitig
für das gemeinsam zu Schaffende. Eine demokratische
Utopie? Nein, ganz und gar nicht! Wer Erfahrungen mit dieser
Musik gemacht hat, weiß, wie beglückend es ist,
wenn solche Prozesse immer wieder aufs wunderbarste gelingen.
Das King Übü Örchestrü, das üblicherweise
neun oder zehn Musiker umfaßt, wurde 1983 von Wolfgang
Fuchs ins Leben gerufen. In über 20 Jahren waren nur
wenige Konzerte möglich, es waren bis zur vorliegenden
Edition gerade einmal drei Dokumentationen greifbar (Binaurality
von 1992, FMP CD 049, und Trigger Zone von 1998, FMP CD
117 sowie die Aufnahme von 1984 (uk 6), aufgenommen in der
Akademie der Künste, Berlin (Music is music is...).
Am Abend des 8. November 2003 waren die Erwartungen des
Publikums entsprechend hoch gespannt, und dies gleich aus
mehreren Gründen: Zum einen ist jeder der seltenen
Auftritte des King Übü Örchestrü wie
eine rare Pretiose; zum anderen feierte das Konzert das
zwanzigjährige Bestehen des Ensembles und bildete zugleich
den Abschluß eines trotz schmählicher Vernachlässigung
durch die Berliner Kulturverantwortlichen grandiosen Total
Music Meetings. Und schließlich sollte an diesem Abend
noch ein neues, reizvolles Element hinzukommen in Form von
Stimmen, wie sie disparater nicht sein könnten: die
klassisch geschulte Sopranistin Irena Bart-Greiner, der
in der improvisierten Musik wohl einmalige britische Stimmen-
und Lautvirtuose Phil Minton und schließlich der dieser
komplexen Musik ganz offensichtlich aufgeschlossen gegenüberstehende
junge Schauspieler Boris Aljinovic. Alle würden auf
ihre Art Textpassagen und - fragmente aus Jarrys schwarzer,
bitterböser und mehr denn je aktueller Komödie
präsentieren. Was für eine Herausforderung für
Musiker und Publikum! Das Abenteuer konnte beginnen...
Nach Urs Jaeggis (ebenfalls frei improvisierter!) Einführung
- er hatte erst wenige Stunden zuvor erfahren, daß
er für den verhinderten Alban Nikolai Herbst einspringen
sollte - nehmen die Musikerinnen und Musiker auf der Bühne
des Podewil ihre Plätze ein - ohne Notenständer.
Es gibt nichts, was man auf sie stellen könnte. Es
gibt auch keinen conductor, der mit ausgeklügelten
Gesten, Zeichen und Augenkontakten ein Ensemble steuert
und auf bestimmte Bahnen lenkt, wie man dies von den conductions
eines Butch Morris kennen mag. Nein, jeder dieser Abenteurer
ist auf sich selbst gestellt, auf seine Intuition und seine
Reaktionsfähigkeit.
Aus dynamisch verhaltenen vokalen und instrumentalen Fragmenten
entwickelt sich ein atemberaubend spannungsvoller Bogen.
Der leiseste Klang, der kaum angedeutete Laut, wird, ´richtig´
platziert, zum die Mitmusiker inspirierenden Ereignis. Die
wenigen dynamischen Steigerungen und Spitzen, die sich oft
in Sekunden entwickeln und ebenso rasch wieder zurückfallen,
sind umso gewaltiger und erschütternder. Man fühlt
sich erinnert an den aus der Malerei übernommenen und
vom bahnbrechenden britischen Improvisator John Stevens
auf die Musik seines Spontaneous Music Ensemble übertragenen
Begriff der peripheral vision, der Wahrnehmung kleinster,
scheinbar unwichtiger Details am Rande, die urplötzlich
aus actio und reactio heraus eine überproportionale
und nicht vorherzusehende Signifikanz annehmen.
Und so entfalten sich 45 Minuten im Wortsinn unerhörter
Musik, zeitgenössischer Musik, die den abgenutzten
Begriff wieder wahr werden läßt, und in deren
Verlauf nach 32 Minuten etwas geschieht, was zu den großen
und unvergesslichen Momenten meines Lebens gehört:
Nach einem verbalen ´Ankerwurf´ von Boris Aljinovic
tritt Stille ein. Wer schon einmal einige Sekunden Stille
inmitten einer großen Menschenmenge erlebt hat, mag
nachvollziehen können, welche Wirkung von einhundertzwanzig
Sekunden währendem, atemlosen Schweigen in einem vollbesetzten
Saal ausgehen kann, von Stille, die hier ein integraler
Bestandteil der Improvisation darstellt.
Nun mag man vielleicht bedauern, dass nach diesen zwei Minuten
spannungsvollsten Schweigens sich zunächst verhaltener,
dann begeisterter Beifall regt. Aber das Publikum, das die
Herausforderungen der improvisierten Musik sucht, konsumiert
ja nicht einfach passiv, sondern interagiert mit den Musizierenden
auf mannigfaltige Weise. In diesem Augenblick musste sich
die Spannung wohl lösen, wenn auch nur für wenige
Sekunden. Der Zauber wurde dadurch nicht gebrochen - im
Gegenteil. Dies war die vielleicht unbewusst gesuchte Gelegenheit,
um neue Kraft zu schöpfen für die fulminante Fortsetzung
und Vollendung dieser erstaunlichen Improvisation. Solche
frappierenden Momente, gerade auch mit all ihren Unwägbarkeiten,
muß man wahrlich selbst erlebt haben, um glauben und
sich vorstellen zu können, dass so etwas überhaupt
möglich ist.
Obwohl der Streit darüber, ob die Technik der Aufzeichnung
der improvisierten Musik angemessen sei oder nicht, wahrscheinlich
nie zu Ende gehen wird, stellt diese neue CD des King Übü
Örchestrü einen Glücksfall dar. Naturgemäß
kann die Aufnahme die unvorstellbare Intensität des
im Augenblick Erlebten nicht ganz wiedergeben. Das visuelle
Moment fehlt, und die Magie des Moments, die Magie der Stille,
entziehen sich in ihrer vollständigen Dimension auch
der perfektesten Technologie. Zweifellos stellt die vorliegende
Edition aber ein musikalisches Geschenk dar, eine künstlerische
Offenbarung, die ein Leben positiv verändern kann.
Werner Merz
Dieser Text ist Helma Schleif und Wolfgang Fuchs in Dankbarkeit
zugeeignet
Kontakt: werner.merz@web.de
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